Freitag, 3. Januar 2014

Das Kopftuch - Unterdrückung oder Befreiung? Prolog


„Und sprich zu den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Keuschheit wahren sollen und dass sie ihre Reize nicht zur Schau tragen sollen, bis auf das, was davon sichtbar sein muss, und dass sie ihre Schleier über ihre Busen ziehen sollen und ihre Reize vor niemandem enthüllen als vor ihren Gatten, oder ihren Vätern, oder den Vätern ihrer Gatten, oder ihren Söhnen, oder den Söhnen ihrer Gatten, oder ihren Brüdern, oder den Söhnen ihrer Brüder, oder den Söhnen ihrer Schwestern, oder ihren Frauen, oder denen, die ihre Rechte besitzt, oder solchen von ihren männlichen Dienern, die keinen Geschlechtstrieb haben, und den Kindern, die von der Blöße der Frauen nichts wissen. Und sie sollen ihre Füße nicht zusammenschlagen, sodass bekannt wird, was sie von ihrem Zierrat verbergen. Und bekehret euch zu Allah insgesamt, o ihr Gläubigen, auf dass ihr erfolgreich seiet.“ (Koran, Sure 24, Vers 32)

„O Prophet! Sprich zu deinen Frauen und deinen Töchtern und zu den Frauen der Gläubigen, sie sollen ihre verhüllenden Gewänder über sich ziehen. Das ist besser, damit sie erkannt und nicht belästigt werden. Und Allah ist allverzeihend, barmherzig.“ (Koran, Sure 33, Vers 60)

„Wenn ein Mann betet und prophetisch redet und dabei sein Haupt bedeckt hat, entehrt er sein Haupt. Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht enthüllt. Sie unterscheidet sich dann in keiner Weise von einer Geschorenen. Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahlscheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen. Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen […].“ (Bibel, 1 Korinther 11, 4-7)

Schlägt man heute die Zeitung auf oder lauscht den Kneipengesprächen am Nachbarstisch könnte man glauben, dass das Kopftuch in den öffentlichen Diskussionen keine Rolle mehr spielt. Vorbei sind die Zeiten, in denen öffentlich und unter einem großen medialen Interesse das Für und Wider der vorwiegend islamisch geprägten Kopfbedeckung diskutiert wurde. Kopftücher sind entweder im allgemeinen Leben angekommen oder eben erfolgreich verdrängt und verboten worden. So zumindest scheint es. Tatsache ist aber, dass nach wie vor eine große Anzahl Frauen mit uns lebt, die aus verschiedenen Gründen ein Kopftuch tragen will und mit diesem Wunsch oftmals an die Grenze der gesellschaftlichen Akzeptanz stößt. Anwältinnen müssen vor Gericht ihr Kopftuch ablegen und auch Lehrerinnen ist das Tragen ihrer Kopfbedeckung in Schulen untersagt, mit Ausnahme des Islamunterrichts. Von den Hürden bei der Jobsuche mal ganz zu schweigen. Solche Regelungen kommen einem Berufsverbot gleich. Doch warum gibt es solche Regelungen überhaupt?
 
Der Westen erlebte das Kopftuch schon früh als Zeichen der Unterdrückung der Frau. Heute wird darin zudem die Stärkung der fundamentalistisch-muslimischen Kreise gesehen. Die Zuwanderungsdebatten und Anfeindungen gerade der türkisch-stämmigen Mitmenschen zeugen von der Angst vor einer kulturellen „Übernahme“. Aus diesem Grund ist bereits in einigen europäischen Ländern ein Verschleierungsverbot in Kraft getreten. In Deutschland ist das nicht denkbar – ein generelles Verbot im öffentlichen Raum verstößt gegen das Neutralitätsgebot des Grundgesetzes. Anders wird dies bei der Ausübung eines öffentlichen Amtes gehandhabt. Im Landesgesetz können und sind Verbote für das Tragen einer Verschleierung erlassen worden. Laut des Bundesbeamtenrechts „[…] gibt es allerdings keine mit dem landesgesetzlichen Regelungen vergleichbaren Verbote des Tragens religiöser Bekleidung. Das politische Mäßigungsverbot kann grundsätzlich nicht dahingehend ausgelegt werden, dass Beamtinnen das Tragen von Kopftüchern oder Burkas verboten werden kann“, klärte der wissenschaftliche Dienst des Bundestages bereits 2010 auf.

An dem allgemeinen Konsens, Kopftücher zeichnen ihre Trägerinnen als rückständig und untergeben, kann dies jedoch kaum etwas ändern. Dabei ist das Kopftuch für die meisten Frauen ein Akt der Befreiung oder ein Mittel zum Selbstschutz. Eine pakistanische Bekannte begründete mir gegenüber einst das Tragen ihres Kopftuches als Sicherheit gegen sexuelle Übergriffe und Belästigungen. Sie verhülle ihre Haare, ihren Hals und ihre Brust, um weniger reizend auf Männer zu wirken. Sie beschwerte sich bei mir über das fehlende Verständnis in Deutschland dazu. „Wir werden nicht verstanden. Es interessiert auch niemanden wirklich. Wir tragen ein Kopftuch zum Schutz. Es gibt mir Sicherheit. Ich verstehe nicht, was daran falsch sein soll.“ Zu behaupten, dass solche sexuellen Übergriffe in Deutschland zwar möglich sind und vorkommen, jedoch keineswegs vergleichbar mit denen in Pakistan, Ägypten oder Iran sind, würde von der überhöhten Einschätzung der „zivilisierten“ westlichen Kultur zeugen, die sie bereits zu Kolonialzeiten zur Schau gestellt hat. Auch in Deutschland herrscht in vielen Köpfen noch die Höherstellung des Mannes gegenüber der Frau vor und auch hier glauben noch zu viele, Mann dürfe sich nehmen was gefällt. Des einen Kopftuch ist also des anderen Pfefferspray, eingesetzt zur Wehr gegen die Fremdbestimmung des eigenen Körpers. Also genau das Gegenteil von dem, was mit einem Kopftuch eigentlich verbunden wird. Oder ist es doch nur integrationshemmend, wie Kritiker behaupten?

Fakt ist: Viele Mädchen und Frauen, die sich heute in Deutschland für das Tragen eines Kopftuches entscheiden, sind bereits in unsere Gemeinschaft integriert. Nicht selten sind ihre Familien bereits seit mehreren Generationen hier. Sie sind Deutsche und leben ihr Leben frei und selbstbestimmt. Entgegen aller Vorurteile kommen sie meist nicht aus bildungsfernen Haushalten, sondern entstammen aus einem gebildeten, oftmals städtischem Milieu. Sie handeln weder fremdbestimmt, noch aus Schutz, sondern gehen damit ihren eigenen Weg zwischen der islamischen Tradition ihrer Eltern und Großeltern und ihren eigenen Ansichten. Tatsächlich zeigen sie einen hohen Grad an Mut und Selbstbewusstsein - denn nach wie vor bringt ein einfaches Tuch auf dem Kopf auch Probleme und Konfrontationen nicht nur im beruflichen Umfeld mit sich. Mangelnde Deutschkenntnisse,  Job als Putzfrau oder die Aberkennung des Deutsch-Sein sind nur einige der rassistischen Erfahrungen, von denen Trägerinnen immer wieder berichten.

Auch in meinem Fall gab es neben Zuspruch auch heftig geführte Debatten, als ich meinen Versuch ankündigte, einen Monat lang ein Kopftuch tragen zu wollen. Leider nicht mit mir, sondern hinter mir. Ich kann mir vorstellen, wie diese gelagert sind, auch wenn ich den Inhalt nicht wirklich kenne. Es ist vermutlich für viele, die mich kennen, nur schwer oder auch gar nicht vorstellbar, warum eine extrovertierte, kulturell sehr westlich geprägte und deren Vorzüge genießende junge Frau wie ich es bin, sich solch eine „Bürde“ selbst auferlegt. Nun, die Gründe dafür liegen auf der Hand. Wie kann man über etwas urteilen, dass man selbst nicht kennt? Das bezieht sich nicht einmal primär auf das Tragen des Kopftuchs selbst, sondern vorrangig auf die Gesellschaft, die ich gerne für ihre Engstirnigkeit und Selbstverliebtheit verurteile. Die Debatten und Rechtsurteile bezüglich des Tragens von religiös motivierten Kopfbedeckungen sind mir bekannt und werden von mir scharf kritisiert. Unbekannt ist mir jedoch das unmittelbare Empfinden der Reaktionen auf der Straße, des persönlichen Umfelds und meiner eigenen Arbeitswelt. Was genau es heißt, ein Kopftuch in Deutschland zu tragen, werde ich in den nächsten Wochen soweit es mir möglich ist, herausfinden.  

Kommentare:

  1. Ich bin gespannt, meine Liebe! Wie ein Flitzebogen! :)

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  2. Sehr mutig, was ist denn nun aus dem Experiment geworden?

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  3. Es wird noch ein paar Erfahrungsberichte geben, ich komme nicht ganz hinterher mit dem Schreiben. Ich finde es allerdings gar nicht so mutig. Die größte Herausforderung war nicht, sich ein Kopftuch anzuziehen oder so vor andere Menschen zu treten, sondern zu erfahren, was es für einen selbst heißt; was es mit einem selbst macht, wie es mich selbst im Denken und Handeln beeinflusst. Es gibt in Kürze mehr zu den Erfahrungen - den inneren und äußeren.

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  4. Schade das es hier nicht mehr weitergeht ...

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