Donnerstag, 29. August 2013

RosenKrieg am Horizont


Nehmen wir an, Ihre Nachbarn streiten sich. Im Nachbarhaus oder in der Wohnung über Ihnen streiten sie sich so lautstark, dass an ein Revival vom legendären ‚Rosenkrieg‘ zu denken ist und man sich um Mann, Frau und Kronleuchter (vom Hund ganz zu schweigen) ernsthaft Sorgen machen muss. Nehmen wir an, dass Sie zu dem Teil der Bevölkerung gehören, die Zivilcourage besitzen (und das ist nach Selbstauskunft ja eigentlich jeder). Was tun Sie nun also als rechtschaffender, pflichtbewusster und ruheliebender Bürger, der Sie sind? Richtig, Sie drehen die Musik auf. Sollte das nicht helfen, versuchen Sie – je nach Beziehungsstand zu den Nachbarn – helfend einzugreifen oder  nehmen panisch das Telefon in die Hand und rufen die Polizei. Wer gar nicht handelt, kann später immer noch als betroffener, aber nichts geahnt und gehört haben wollender Bürger einen kleinen Gastauftritt in den RTL-News erhaschen, das sind aber immer die anderen. Dabei stellt Zivilcourage die Grundlage für das Leben der Menschen in einer freiheitlichen Gesellschaft ohne Angst vor Gewalt.
Nun steht Syrien nicht in unmittelbarer Nachbarschaft zu uns. Und auch die Analogie zum Rosenkrieg hinkt. Dennoch zeigt es auf, wo die Grenzen unserer Nächstenliebe liegen – an den Landesgrenzen Deutschlands . Uns erreichen Bilder aus Syrien sowie anderen Regionen der Welt. Nie waren wir – den Medien sei Dank – in Friedenszeiten näher an dem Elend anderer Menschen dran, und dennoch waren wir wohl nie weiter weg. Wir ereifern uns zwar, wir zeigen Empathie und fluchen über die verdorbene Welt. Kurzzeitig. Darauf ein lassen wir uns nicht. Denn das würde zwingend ein Handeln fordern.  „Zivilcouragiert handelt, wer bereit ist, trotz drohender Nachteile für die eigene Person, als Einzelner (seltener als Mitglied einer Gruppe) einzutreten für die Wahrung humaner und demokratischer Werte […]“, schreibt Wikipedia. Aber was kann man schon tun? Versteckt hinter der Hilflosigkeit des kleinen Bürgers gibt es ab und an einen Aufschrei, eine Demo vielleicht – kaum größer als eine Hochzeitsgesellschaft. Große Taten sind spätestens seit dem Irakkrieg vorbei. Wir zeigen uns solidarisch mit dem Volk, Asyl gewähren wollen wir aber nicht. Eine militärische Intervention kommt für die meisten nicht in Frage. Der deutsche Soldat kämpft für deutsche Leben bitteschön, sonst wäre er ja kein deutscher Soldat. 
Die Ärzte sangen einst „Gewalt erzeugt Gegengewalt, hat man dir das nicht erklärt“. Als Homo sapiens, der sich nicht nur durch seinen aufrechten Gang, sondern besonders durch seine Gabe der Selbstreflexion aus der Masse der Lebewesen heraushebt, sollte man dies natürlich nicht als Naturgesetz verstehen und danach handeln. Ein Eingreifen in konfliktbehaftete Regionen muss gut überlegt werden. Allem voran müssen unweigerlich diplomatische Verhandlungen und gegebenenfalls politische und wirtschaftliche Sanktionen erfolgen. Der Konflikt in Syrien hat diese Ebenen aber schon längst verlassen. Spätestens seit dem Einsatz von chemischen Waffen darf die Welt nicht tatenlos zusehen. Dabei ist es egal, ob das Giftgas von Assads Regime oder von den Rebellen eingesetzt wurde. Das zwingende Moment ist die schlichte Tatsache, dass solche Waffen eingesetzt werden. Der gute Bürger unserer zivilen Gesellschaft hat damit aber wenig am Hut. Syrien ist weit weg und man selbst nicht in Gefahr. Deshalb hält er seine Siebensachen zusammen, schnappt sich eine Chipstüte und dreht einfach die Musik lauter. 

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